Geschichte: Julikrise und Kriegsausbruch 1914
- Datum: 02.12.10
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Thematische Einordnung:
Der Erste Weltkrieg gilt zurecht als die “Urkatastrophe des 20. Jahhunderts” (Ernst Schulin). Um die politische und geschichtliche Entwicklung des 20. Jahrhunderts erfassen und einordnen zu können, stellt sich daher die Frage nach den verschiedenen Faktoren, die zum Kriegsausbruch geführt haben.
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Betrachtet man die hauptsächlichen Ursachen und Entwicklungen, die zum großen Weltkrieg 1914-1918 geführt haben, so lässt sich sagen, dass dessen Ausbruch mit Sicherheit kein völlig unerwarteter Schicksalsschlag der Weltgeschichte war. Er war zum einen das Ergebnis langfristiger Ursachen, so zum Beispiel des Hochimperialismus, des Wettrüstens, der sich grundsätzlich verändernden diplomatischen Bündnissysteme und der mit immer schnellerer Frequenz aufeinander folgenden internationalen Krisen (Marokko Krisen 1905 und 1911, bosnische Annexionskrise 1908/09, Balkankriege 1912/13, Liman von Sanders – Krise 1913). Zum anderen war vor allem dessen Ausbruch die Folge teilweise völlig verfehlter Außenpolitik der Mittelmächte, wenngleich der Krieg durchaus das Produkt der gesamten Politik der europäischen Pentarchie zu Beginn des 20. Jahrhunderts war.
Hatten noch im 19. Jahrhundert die Großmächte nach den napoleonischen Kriegen Abkommen getroffen, sich regelmäßig zu treffen, um größere Kriege gar nicht erst entstehen zu lassen, geriet dies spätestens seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusehends aus den Augen der Mächtigen. Auf europäischer oder internationaler Ebene gab es kaum Institutionen zur Friedenssicherung. Den 1899 in Den Haag gegründeten Internationalen Schiedsgerichtshof rief man nur in den seltensten Fällen an. Im Zuge der immer häufiger aufkommenden internationalen Krisen stieg sowohl der innen-, als auch der außenpolitische Druck, Erfolge gegen die sich immer stärker abzeichnenden gegnerischen Machtblöcke zu erreichen. Vor allem die außenpolitischen Zerwürfnisse trugen nicht unwesentlich dazu bei, dass sich die Beziehungen der fünf europäischen Großmächte zusehends verschlechterten. Zudem wurden die Krisen stets von militärischen Maßnahmen begleitet, so dass die führenden Staatsmänner, oft ermutigt durch ihre Heeresleitungen und in Anbetracht ihrer massiven Flotten- und Heeresaufrüstungen, immer mehr auch in militärischen Kategorien dachten. Im Bewusstsein, dass der Krieg zu dieser Zeit durchaus noch als ein legitimes Mittel der Politik galt, sank letztlich der Skrupel, diesen im Ernstfall auch zu führen.
Dies bedeutet allerdings nicht, dass es zwingend eine Einbahnstraße in den Krieg von 1914 gab. Die weitgehend positiven Erfahrungen der internationalen Krisendiplomatie, das zeigten vor allem die Londoner Botschafterkonferenzen 1912/1913, machten deutlich, dass sich die meisten Konflikte pragmatisch lösen ließen. Im Zusammenhang mit dem 1914 dennoch ausgebrochenen Krieg sind vor allem die Überzeugungen der Großmächte maßgeblich. Denn sowohl die Führungsebene des Deutsche Reichs, als auch die militärische Führung in Wien und in St. Petersburg befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Fatalismus, dessen Grundlage die Annahme war, dass ein Krieg der Großmächte unvermeidbar sei. Zwar war man sich der Tatsache bewusst, dass größere Konflikte in den Jahren zuvor stets durch diplomatische Kunst hatten vermieden werden können, doch zweifelte man zumindest in Berlin nicht daran, dass man um Weltmacht zu werden, mit hoher Wahrscheinlichkeit Krieg gegen die anderen Großmächte führen müsse. Durch einen, teilweise sozialdarwinistisch begründeten Krieg, so die Überzeugung, könnte man weit mehr gewinnen, als durch mühselige diplomatische Kompromisse. In Anbetracht der sich abzeichnenden russischen Heeresaufrüstung, welche spätestens für das Jahr 1917 als abgeschlossen erwartet wurde, stieg daher in Berlin bis 1914 die Bereitschaft einen bewaffneten Konflikt besser früher als später einzugehen, solange noch eine realistische Chance bestand, diesen erfolgreich zu Ende bringen zu können.
Auch bei den anderen Großstaaten sank angesichts der immer aggressiver und fordernder werdenden deutschen Außenpolitik in den Jahren vor 1914 jene Hemmschwelle. Man kann daher sagen, dass es 1914 wohl keine Großmacht in Europa gab, die den Frieden noch um jeden Preis erhalten wollte. So kam es, dass sich im Juli 1914 alle Parteien in eine Situation manövrierten, aus der sie nur unter völligem Gesichtsverlust wieder hätten herauskommen können. Einen Preis, den keine der damaligen Regierungen bereit war zu zahlen, zumal kein Land, bis auf die traditionell neutralen Staaten, im Angesicht der weit verflochtenen Bündnissysteme und Interessenssphären in außenpolitischen Fragen, noch unabhängig entscheiden konnte.
Dennoch war die Stimmung im Sommer 1914 zunächst entspannt. Das Attentat von Sarajevo hatte nur kurz für Empörung und Aufsehen in der Öffentlichkeit und bei den Regierungen außerhalb der Mittelmächte gesorgt. Man war überzeugt, und sowohl die deutsche, als auch die österreichische Regierung beteuerten dies auch immer wieder, dass die internationale Diplomatie die Krise bewältigen würde. Auch diesmal, so die Hoffnung, würden die Tauben über die Falken siegen. Doch was sich im toten Winkel der Triple Entente entwickelte war nichts geringeres als die schwerwiegendste Krise, mit der die europäischen Staaten bis Dato konfrontiert wurden.
In der Hoffnung, einen lokalen Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Serbien führen zu können, hatte die deutsche Reichsleitung seinem Bündnispartner bereits am 5. Juli 1914 die Garantie gegeben unter allen Umständen auch in einem europäischen Krieg militärisch beizustehen (der sogenannte „Blankoscheck“). Das am 23. Juli 1914 von Wien an Belgrad gerichtete hart formulierte Ultimatum war die Konsequenz dieser Politik und löste die Julikrise aus. Man war bereit die Chance zu nutzen und Serbien als außenpolitischen Gegner und Gefahr für die Doppelmonarchie auszuschalten. Allerdings entwickelten sich die Dinge nicht wie erhofft. Die deutsche Außenpolitik, die stets auf falschen Prämissen über die Kriegsbereitschaft der Ententemächte beruht hatte, sah spätestens am 29. Juli 1914, als auch England neben Frankreich und Russland seine Kriegsbereitschaft offenbarte, ihr sorgfältig aufgebautes Kartenhaus eines lokalisierten Krieges auf dem Balkan, zusammenbrechen. Erst jetzt, als bereits die ersten Artilleriegeschosse in Belgrad einschlugen wurde dem noch am 5. Juli den Blankoscheck für Wien ausstellenden Bethmann Hollweg klar, dass man dabei war, sich unweigerlich in einen großen Krieg hineinzumanövrieren. Sämtliche Versuche, diesen in letzter Minute durch diplomatisches Einlenken zu verhindern, liefen spätestens mit der russischen Mobilisierung am 30. Juli ins Leere. Der „Point of no return“ war überschritten und Europa befand sich seit Anfang August im Krieg, welcher sich mit dem späteren Hinzutreten der USA zu einem vier Jahre andauernden Weltkrieg entwickeln sollte.
Literaturtipps & verwendete Quellen:
- Berghahn, V., Wettrüsten und Kriegsgefahr, in: Böhme, H.; Kallenberg, F. (Hrsg.), Deutschland und der Erste Weltkrieg: Ringvorlesung an der Technischen Hochschule Darmstadt im Wintersemester 1984/85, Darmstadt 1987, S. 75-93.
Dülffer, J., Der Weg in den Weltkrieg, in: Hirschfeld, G.; Krumeich, G. (u.a.) (Hrsg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn (u.a.) 2009, S. 233-241.
- Neitzel, S., Kriegsausbruch: Deutschlands Weg in die Katastrophe 1900-1914, Zürich 2002.
- Schulin, E., Die Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, in : Michalka, W. (Hrsg.), Der Erste Weltkrieg: Wirkung – Wahrnehmung – Analyse: Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, München (u.a.) 1994, S. 3-28.
- Schöllgen, G., Das Zeitalter des Imperialismus (= Oldenbourg Grundriss der Geschichte 15), 3. Aufl., München 1994.
WEITERFÜHRENDE LITERATUR IM ANHANG
Anhänge
Wiki-Autor:
| Name: | Matti O. |
| Alter: | 27 |
| Fach: | Geschichte, Philosophie, Politik, Sozial- / Gemeinschaftsku |
| Ort: | Tübingen |
| Preis: | 17,00 € |
Schon während meiner 6-monatigen Praktikumszeit habe ich die Arbeit mit den Schülern sehr genossen und wurde in meinem Berufswunsch, Lehrer zu werden, bestätigt. Die Begeisterung für meine Fächer möchte ich gerne weitergeben.
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