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Latein: Warum Latein-Vokabeln auch deutsch-lateinisch lernen?

Heute, am Beginn der Sommerferien 2010, habe ich das Bedürfnis, mich einmal ausdrücklich für diese Form der Kommunikation mit anderen TUTORIA-Nutzern zu bedanken. Unter ihnen vermute ich Schüler, Studenten, die Nachhilfe nehmen, Studenten, die Nachhilfe geben, Lehrer an Schulen und freiberufliche Nachhilfelehrer wie ich selbst. Ich habe im vergangenen Schuljahr viel von diesem Austausch profitiert, Hinweise bekommen, Anregungen, selbst viel gelernt und – entdecken dürfen, dass es mir Freude macht, hier zu schreiben.
So, genug der Vorrede.
Ich möchte heute etwas mit Ihnen, mit Euch teilen, was mir erst heute morgen klar geworden ist. Warum ist es mir so wichtig, dass meine Schüler Latein-Vokabeln auch deutsch-lateinisch lernen? Ich bekomme regelmäßig zur Antwort: “Das brauchen wir nicht.” – “Das wäre ja noch mehr Arbeit.”

Nun ist es eine Weile her, seit ich mein Abi machte, genau gesagt, vierunddreißig Jahre. Seither hat sich an den Schulen viel verändert, das ist mir nicht entgangen. Auch Latein wird heute anders gelehrt und gelernt; ich hoffe aber, immer noch mit Freude an der Sprache und mit Freude am Lernen.

Neulich besuchte ich einen meiner “alten” Lehrer, der vor etwa einem Jahr in Rente ging. Er hatte uns damals mit seiner jugendlichen Freude am Lernen gerade dann, wenn es streckenweise mühsam war, begeistert und bei der Stange gehalten.
Er sagte mir – und das war mir, ehrlich gesagt, neu: “Zu Ihrer Zeit mussten Sie viel mehr Vokabeln können als die Schüler heute.” Er meinte damit unser Vokabelwissen in Latein und Griechisch.

Ich vermute, dass er recht hat: zwar mussten wir mengenmäßig relativ mehr lernen, dieser Vokabelschatz war aber wie ein sehr engmaschiges Netz, das es uns ermöglichte, Verknüpfungen herzustellen und unbekannte Wörter herzuleiten. Dieses engmaschige Netz gab (mir zumindest) das Gefühl, “gehalten”, “aufgefangen” zu sein, mochte auch mal eine Masche nicht hundertprozentig stark geknüpft sein. Ich konnte also mit der Zeit nicht nur die Vokabeln, die ich “gebüffelt” hatte, sondern auch die, die ich mir dadurch erschließen konnte. Dass ich sie aber auch Deutsch-Lateinisch lernte, machte mir das Lernen leichter. (Sozusagen ein “Stereo-Wiedererkennungseffekt”)

Auf das Argument “Das brauchen wir nicht” kann ich nur entgegnen: "Ja, wenn Lateinlernen nur dazu dient, irgendwelche gedruckten Texte kaum, dass ich sie lateinisch geschrieben sehe, ins Deutsche “umzuwandeln”, damit ich sie glücklich wieder auf deutsch lesen kann, ja, dann brauche ich das wirklich nicht." (Aber lernen wir denn Latein zu diesem Zweck?)

Auf das Argument hin “Das wäre noch mehr Arbeit” muss ich etwas weiter ausholen. Stimmt, auf den ersten Blick ist es MEHR, vielleicht anstrengender. Ich muss die Augen häufiger von links nach rechts und wieder zurück bewegen, ich muss mir mehr “Buchstabenmaterial” in ungewohnter Reihenfolge einprägen. Ich lese eben nicht fast nur Deutsch (was mir ja vertraut ist), sondern zu einem guten Teil auch diese manchmal fremd oder hart oder seltsam klingenden zweitausend Jahre alten Buchstabenkombinationen. (Am besten lese ich sie laut, damit meine Ohren und meine Sprechwerkzeuge auch etwas davon wahrnehmen.) Vielleicht kann ich auf die Art nicht so viele Wörter auf einmal lernen. Das kann sein. Aber die Wörter werden mir besser vertraut.

Vertraut…ich bin in Stuttgart aufgewachsen, mein Vater kam aus Rumänien, und weil er alte Sprachen studiert hatte, war sein Latein (und wohl auch Griechisch) beinahe besser, sicherer als sein Deutsch. Wenn er mich Vokabeln abfragte – und das tat er oft – , so tat er das immer in beide Richtungen. Fragte er mich Lateinisch-Deutsch, so las er die richtige Lösung ab, wie sie gedruckt stand, und manches Wort klang aus seinem Mund etwas papieren, so wie “Mannbarkeit” oder “Tugend”.
Wenn er mich aber Deutsch-Lateinisch fragte, so klang das wie eine Einladung, in “seine” Sprache zu kommen, denn natürlich fühlte er sich als Rumäne dem Klang des Lateinischen nahe. Und in meiner kindlichen Neugier und meiner Liebe zu ihm brannte ich darauf, etwas “anderes”, etwas “aus seiner Welt” zu hören. (Meine Mutter war Deutsche, wir wurden natürlich auf Deutsch erzogen, Rumänisch selbst habe ich leider nie gelernt.) Latein war meine erste “andere” Sprache. Aus dem Munde meines Vaters hatte Latein einen warmen, lebendigen, exotischen, zuweilen dramatischen Klang. Es machte einfach Spaß, diese anderen Wörter zu hören, sie auszusprechen, sie zu einem Teil meiner kindlichen Welt zu machen. Mein Vater war eine Art “Coach” für mich, Fehler waren natürlich erlaubt, Späßemachen natürlich auch. Er liebte Sprachspielereien, die halb aus dem Deutschen, halb aus “seiner” Sprache stammten.
Diese Selbstverständlichkeit, die man braucht, um solche Scherze würdigen zu können, kommt aber nur, wenn man lateinische Wörter “in die Hand” nehmen kann, wenn sie mit zwei Händen befühlbar sind.
Ich vermute, dass mein Vater während seines Studiums noch hatte auf lateinisch diskutieren müssen – das war zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg auf den Universitäten weit verbreitet.
Es wäre vermutlich sinnlos, dies wieder an den Universitäten einzuführen. Was ich mir aber wünsche, ist, Latein auch an den Schulen wie jede andere Sprache, die noch gesprochen wird, “plastisch” zu machen, indem man es wieder öfter laut spricht. Ich bilde mir ein, man könnte sich leichter in die Sprachlogik des Lateinischen hineindenken, wenn man ein Wort wie “in-cipere” als eine Kopplung zweier Bilder begreift. Dazu brauche ich aber jeweils ein konkretes Bild von “capere” und von “in” (das zweite ist vom Deutschen her leicht.) Was je nach Lehrwerk im Vokabelteil an Bedeutungen für “capere” steht, kann ja ganz unterschiedlich ausführlich bis verwirrend sein. “capere” entspricht aber all dem, weil es ursprünglich körperhaft gedacht ist: etwas in die Hand nehmen und die Hand dann schließen. (Von “capere” kommt unser deutsches “haben”.)

Ich habe vergessen, was in meinem alten Lehrbuch für “capere” stand – was ich aber nicht vergesse, ist die ganz spontane Handbewegung, die mein Vater bei “capere” machte, ohne etwas dazu zu sagen.
Es geht mir um VORSTELLUNGEN, nicht so sehr um auswendig gelernte Formulierungen. “in-cipere” heißt für mich “etwas in die Hand nehmen, das mich irgendwo hinein führt.” Der Ablaut von a zu i ergibt sich ganz natürlich, wenn man sich vorstellt, dass Latein schnell gesprochen wurde.

Wir übten zu jener Zeit im Unterricht ganz regelmäßig Übersetzung Deutsch-Lateinisch. Heute haben die Schüler “alle viel zu wenig Übung dafür.” (Der Gedanke, Latein zu lernen, um dann möglichst schnell wieder Deutsch daraus zu machen, war mir über Jahre hinaus völlig fremd.)

Mein “Schlussplädoyer”: Lateinvokabeln in beide Richtungen zu lernen macht auf den ersten Blick mehr Arbeit, schärft aber das Empfinden, eine “andere” Sprache vor sich zu haben und führt – wenn man Zeit und Muße dafür hat – in eine andere Klang-Welt (was englische, russische oder französische Wörter ja auch tun). Auch wenn es vielleicht schwer nachzuempfinden ist: ich habe das Gefühl, die Wörter bedanken sich bei mir, dass ich sie ausspreche, ihnen neben den deutschen einen gleichberechtigten Platz in mir gebe – indem sie sich von mir leichter “behalten lassen”.
Und das Experimentieren mit Lauten macht Spaß: das, was ich jeder Schülerin und jedem Schüler wünsche, wenn sie und er eine "Fremd"sprache lernt.

Wiki-Autor:

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Name: Michael T.
Alter: 54
Fach: Latein
Ort: Stuttgart
Preis: 14,20 €
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Qualifikation:
verifiziert

Integrität:
-
Was mir am Nachhilfeunterricht geben Spaß macht:

Meine Lehrer und mein Vater haben mich sehr gefördert.1983 kam ich ohne Beruf nach Stuttgart zurück und fing mit Nachhilfe an, einfach weil es das war, was ich am besten konnte.Gerne denke ich mir auch "alternative" Lernmethoden oder -konzepte aus.

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