Latein: Wie wird Arachne zur Spinne?
- Datum: 19.05.09
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Thematische Einordnung:
Lyrik und mythologischer Hintergrund
- Tags: Literatur, Lyrik, Mythologie, Ovid
“Non illud Pallas, non illud carpere livor possit opus…” so beginnt eine der – für mein Gefühl packendsten – Metamorphosen Ovids: die Menschenfrau Arachne und die Göttin Athene weben um die Wette – und die Sterbliche gewinnt eigentlich, weil ihr Tuch feiner gewebt ist und schönere Darstellungen aufweist. Nur haben ebendiese Darstellungen einen kleinen Fehler: sie zeigen alle Schandtaten der Götter, allen voran die des Zeus (und davon gab’s ja nun wirklich genügend!)
Wenn alle diese Taten auch bekannt waren, sogar die Menschen darüber wussten, war es doch eine “Hybris”, eine selbstgerechte, selbstüberhebende Handlung und Mißachtung der Götter, diese auch noch bildlich darzustellen. Athene gerät darüber so sehr in Wut, dass sie Arachnes Tuch in Fetzen reißt und ihr eigenes Weberschiffchen, das sie noch in der Hand hält, Arachne “rechts und links um die Ohren schlägt.”
Utque Cyriaco radium de monte tenebat,
ter quater Idmoniae frontem percussit Arachnes.
Man achte einmal auf das harte skandierende Pitsch-patsch der zweiten Zeile. Die Weberschiffchen aus dem Zedernholz des Berges Kyriakos galten als besonders hart.
Etwas respektlos könnte man das als “Zickenkrieg” bezeichnen – die Griechen hatten ja Freude daran, ihren Göttern menschliche Eigenschaften zu unterstellen. Und Athene ist nicht gerade die, die sich übermäßig schnell in Rage bringen ließ.
Diesmal aber reagiert sie prompt – und als Arachne die Beleidigte spielt und sich erhängen will, nutzt Athene diese Reaktion gehässig zu einer noch längerfristigen Strafe: “Vive quidem, pende tamen, improba”, dixit. “Bleib nur am Leben, doch bleibe auch hängen, du Frevlerin” (in der Übersetzung von Gerhard Fink)- und sie und alle ihre Nachkommen sollen so hängenbleiben. Athene schickt sich zum Weggehen, dreht sich aber auf dem Fuße um und besprüht Arachne mit einem Zaubersaft der Hekate. Und langsam, unheimlich langsam (man könnte einen Horrorfilm danach drehen) verwandelt sich Arachne in eine Spinne, klein wird der Kopf, übermächtig der Bauch, und daraus zieht sich der Spinnenfaden – so wird sie eine Spinne wider Willen, das, was sie am besten kann, worauf sie so stolz war, “darf” sie nun lebenslang und in allen ihren Wiederverkörperungen ausüben. Interessant finde ich daran, dass eine Spinne nur nach ihrem Äußeren beurteilt wird, das Hässliche an ihr wird betont. Ich habe schon öfter die Schönheit bewundert, mit der Ovid diese Verwandlung beschreibt: als ob er darum trauerte, dass soviel Schönheit (die im Tuch nämlich) so schmerzhaft bestraft wird.Man sollte ihn am besten laut lesen und auch auf den Klang der Konsonanten achten, die die Vokale rhythmisch gliedern.
Und zum Abschluss, mit längeren, atemvollen Vokalen erzählend, leitet er dann über zur nächsten Geschichte der “Hybris”, der von Niobe, die gleichfalls eine Göttin beleidigt, allerdings mit einem völlig anderen, für unser modernes Gefühl weit empfindlicheren Thema: der Kinderlosigkeit bei der Frau.
Ante suos thalamos Niobe cognoverat illam…
Ovid vermutet, Niobe habe von Arachnes Schicksal gehört, sie hätte aber dennoch keinen Grund gesehen, mit den Göttern respektvoller umzugehen.
Mir persönlich will es so scheinen, als suchte der Römer in den grausamen Strafen der Götter, die in den griechischen Sagen überliefert worden waren, ein zusätzliches “moralisches” Argument, es ihnen ja recht zu machen. Darum wirkt die römische Religion auf mich wie ein zwanghaft einzuhaltender Kodex im Sinne von “Sei ja respektvoll, damit dir nichts passiert…” und “tue ja, was dir gesagt wird!” Wie eine himmlische Rechtfertigung für die soziale Kontrolle der Menschen untereinander.
Literaturtipps & verwendete Quellen:
Ovid, Metamorphosen (bei Artemis und Winkler)
Fink, Gerhard: Didaktik der lateinschen Sprache
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Wiki-Autor:
| Name: | Michael T. |
| Alter: | 53 |
| Fach: | Englisch, Latein |
| Ort: | Stuttgart |
| Preis: | 14,20 € |
Meine Lehrer und mein Vater haben mich sehr gefördert.1983 kam ich ohne Beruf nach Stuttgart zurück und fing mit Nachhilfe an, einfach weil es das war, was ich am besten konnte.Gerne denke ich mir auch "alternative" Lernmethoden oder -konzepte aus.
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