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Latein: Vergleichende Grammatik des Deutschen und Lateinischen - Teil II: Formenlehre der Nomina und Pronomina

Formenlehre der Nomina und Pronomina (Deklinationen)

WAS IST GLEICH?

a. Begriffserklärungen

Die “Nomina” (Namen-Wörter) unterteilen sich in der Grammatik noch einmal in Substantive und Adjektive.
Substantive haben eine “Substanz”, sind also ursprünglich Begriffe für Dinge, die man anfassen kann. (“(nomina) konkreta”). Also: Tisch, Schrank, Hund, Baum etc. Später entwickelten sich die Begriffe für “nomina abstrakta”: Freiheit, Liebe, Anspruch, Gewohnheit etc.
Adjektive sind den Substantiven “dazugeworfen”, also “angeheftete Eigenschaften”, die man an den Dingen sehen, hören, schmecken oder riechen kann: der große Baum, die laute Maschine, der leckere Kuchen etc.

“Pro-Nomina” sind Wörter, die Substantive oder Adjektive ersetzen, sie stehen “pro” (an Stelle von) Nomina. Man braucht sie, um eine Raumvorstellung auszudrücken (“Dieser Baum, jenes Fenster”)oder um Substantive nicht immer wiederholen zu müssen.
Beispiel:
Die Mutter hat ein Auto. Sie fährt damit zur Arbeit. Wenn es kaputt ist, bringt sie es in die Werkstatt.

statt:

Die Mutter hat ein Auto. Die Mutter fährt mit dem Auto zur Arbeit. Wenn das Auto kaputt ist, bringt die Mutter das Auto in die Werkstatt.

Der Vorteil der Pronomina: Die Sätze werden kürzer, bekommen eine elegantere “Satzmelodie”.

Der Nachteil der Pronomina: Der Leser muss mitdenken, er muss an den Formen erkennen können, welches Substantiv aus dem Satz davor damit ersetzt worden ist.

Alle drei Wortgruppen werden dekliniert (gebeugt) und zwar jeweils in Einzahl und Mehrzahl. Sie bilden vier Fälle, die sich in der Endung meistens voneinander unterscheiden, damit erkennbar ist, ob sie im Satz Subjekt sind (Satzgegenstand) oder etwas anderes.

Die Fälle

1. der ERSTE FALL oder “Nominativ”: er antwortet auf die Frage: “Wer oder was?” und nennt das Subjekt des Satzes (in diesem Satz ist es “er”)
Nominativ kommt von lat. casus nominativus: der Fall, mit dem ich “meinen Namen sage” (Nenn-Fall)

Beispiel: wer arbeitet? – der Vater

2. der ZWEITE FALL oder “Genetiv”: er antwortet auf die Frage: “wessen?”; ursprünglich ist damit eine enge Zugehörigkeit gemeint; erst danach kam der “Besitzgedanke”.
Genetiv (Genitiv) kommt von lat. casus genetivus: der Fall, mit dem ich “meine Zugehörigkeit sage”
(‘genus’ heißt die “Familie”, aus der jemand kommt und zu der er immer gehören wird)

Beispiel: wessen Vater arbeitet? der Vater des Jungen (dazu muss der Junge aber schon eingeführt sein!)

3. der DRITTE FALL oder “Dativ”: er antwortet auf die Frage “Wem oder was?” und wird gebraucht, um das “indirekte” Objekt eines Verbs zu nennen. “Indirekt” meint, dass das Objekt sich (theoretisch) durch die Handlung nicht verändert. “Objekt” heißt: es wird zum “Gegenstand” der Handlung, die im Verb ausgedrückt wird. Das ist sehr lateinisch gedacht, weil im Satz die Verbaussage “die Bestimmerin” ist, nicht das “Subjekt”.
Die Verbaussage schafft im Dativ eine Art Gemeinschaft zwischen Subjekt und indirektem Objekt.
Dativ kommt von lat. casus dativus: der Fall, mit dem ich sage, “wem ich etwas gebe”, “wem ich ähnlich bin”
Beispiel:
1.der Vater liest wem vor? – seinem Kind.
Das Kind ist mit einbezogen, ist sogar “Adressat” des Lesens, aber nicht wirklich Objekt.
2.der Vater hilft wem? – mir
Er muss dazu (zumindest in Gedanken) bei mir sein.

4. der VIERTE FALL oder “Akkusativ”: er antwortet auf die Frage “Wen oder was?” und wird gebraucht, um das “direkte Objekt” eines Verbs zu nennen. “Direkt” heißt wörtlich “gerichtet auf”, die Handlung hat also das Objekt zum “Ziel”.
Oft wird das Objekt sichtbar verändert; die meisten Sprachen müssen durch die Form oder durch die Stellung im Satz Subjekt und direktes Objekt deutlich voneinander trennen.
Die Verbaussage schafft im Akkusativ eine Art Gegnerschaft, Einander-gegenüber-Stehen zwischen Subjekt und Objekt.
Akkusativ kommt von lat. casus accusativus: der Fall, mit dem ich sage, “wen ich anklage”. Das ist etwas unscharf aus dem Griechischen übersetzt worden. Das Bild ist aber noch ziemlich stark (und ziemlich römisch): ich zeige mit dem Finger (direkt) auf jemanden und sage: “Der ist schuld!”
Beispiele:
1. Wen oder was koche ich? – die Nudeln (die sind nachher weich)
2. Wen oder was wasche ich? – das Auto (es sieht nachher anders aus
3. Wen oder was werfe ich? – den Ball (er liegt nachher in der Ecke)
4. Wen oder was schreie ich an? – den Autofahrer (er kriegt ein schlechtes Gewissen)

Der Akkusativ hat noch eine Besonderheit: wir sind als Menschen oft (geistig oder räumlich) unterwegs, und während wir unterwegs sind, haben wir ein Ziel. Manchmal ist unser Ziel nur, eine bestimmte Wegstrecke oder Zeitspanne zu überbrücken. Dann benutzen wir den Akkusativ, um diese Strecke – mit dem Ziel vor dem inneren Auge – zu benennen.

Beispiele:
1. Ich arbeite heute nur drei Stunden (lang)- (dann darf ich aufhören)
2. Wir sind gestern elf Kilometer gewandert – (Bis wir am Ziel waren oder bis wir müde wurden)
3. Das Grundstück misst in der Länge vierzig Meter. (ich zähle mit den Augen die Längsstrecke bis zum Ende ab und bin bei vierzig Metern fertig)

Wir unterscheiden bei Substantiven und Pronomina – wie in der Biologie – verschiedene “Geschlechter”: männlich, weiblich und sächlich. Es gibt Substantive, die sich leicht zuordnen lassen, wie “der Mann”, “die Frau” und “das Auto”. Daneben gibt es Zuordnungen, die sich für uns nicht logisch herleiten lassen, wie “das Pferd” (in romanischen Sprachen undenkbar!), “der Stuhl”, “die Kammer”, “die Ungeduld”. Ich spreche in diesem Zusammenhang gerne von “Sprachgewohnheit”, in die sich Menschen aus anderen Sprachräumen entsprechend schwer hineinfinden können.
Die Unterscheidung in Geschlechter spielt eine große Rolle, wenn wir den Substantiven Eigenschaftswörter – und vielleicht zusätzlich noch Pronomina zuordnen wollen.
Beispiele:
ein großer Mann, dieser Mann, dieser große Mann
eine große Frau, jene Frau, jene große Frau
ein großes Auto, dieses Auto, dieses große Auto

Im Grammatik-“Duden” findest Du Näheres unter dem Stichwort “Kongruenz”. Das Wort “Kongruenz” meint, dass die drei Erkennungsmerkmale Fall, Geschlecht und Zahl alle drei zusammenpassen müssen, wie ein Dreieck, das haargenau auf ein anderes passt. (“kongruent” heißt in der Geometrie “deckungsgleich”)
Wir gehen mit diesen Endungen im Deutschen ziemlich selbstverständlich um; wenn wir jemanden sagen hören: “mein großes Auto steht vor diese Haus”, fällt das gleich auf.

c. Die Fälle bei Präpositionen

Wenn das Prädikat (das, was mir im Satz die Handlung “anpreist”) im Satz keine Handlung ausdrückt, die ein Objekt hat, sondern eine Bewegung oder einen Standort innerhalb eines Raumes ausdrückt, greifen wir gerne zu Präpositionen (praepositio: “das, was vorangestellt wird”). Sie beschreiben, wo die Bewegung anfängt, wo sie aufhört oder beides, oder auch, wohin ich schauen soll.

Beispiele:
1. Wir gehen in den Garten.
2. Vor dem Haus spielen Kinder.
3. Der Hund liegt in seinem Körbchen.

Diese Präpositionen brauchen bestimmte Fälle, im Deutschen meistens den Dativ oder Akkusativ. Auf die Frage “wohin?” (Ziel) benutzen wir den Akkusativ (siehe Beispiel 1).
Auf die Frage “wo?” benutzen wir den Dativ, vielleicht wegen der oben erwähnten Gemeinschafts-Vorstellung: Beispiel 2: “vor dem Haus” heißt ja, sie haben eine Art ‘räumliche Gemeinschaft’ mit dem Haus, noch stärker sichtbar Beispiel 3.

Manchmal finden sich auch Präpositionen mit Genitiv, der uns dann tatsächlich eine besonders starke räumliche oder gedankliche Nähe innerhalb des (!) vorgestellten Raumes zeigen will.

Beispiele:
1. Wegen eines einzigen Tippfehlers musste ich alles noch einmal schreiben.
2. Anhand einer Wanderkarte konnten wir uns gut zurecht finden.

Das Schriftdeutsch kennt auch sogenannte “Postpositionen” – das sind Wörter, die die gleiche Aufgabe haben wie Präpositionen, aber HINTER dem Wort stehen, zu dem sie gehören.

Beispiele:
1. Eines einzigen Tippfehlers wegen musste ich alles noch einmal schreiben.
2. Der Genauigkeit halber führe ich vier Stellen hinter dem Komma an.

Das Wort “halber” will so nahe an seinem Bezugswort sein, dass es “halb” schon drin ist, duldet also immer nur den Genetiv. “halber” kann immer nur hinter dem Bezugswort stehen, “innerhalb, außerhalb, oberhalb, unterhalb” stehen davor, brauchen aber ebenfalls den Genetiv.

Auch das Lateinische kennt übrigens Postpositionen, die meistens einen logischen Grund angeben und auch mit dem Genetiv stehen.

WAS IST ANDERS?

a. Deklinationen und Wortbezüge

Auch das Lateinische kennt Substantive, Adjektive und Pronomina.
Was das Lateinische nicht kennt, sind Artikel – “pater” kann also “ein Vater”, “der Vater” oder sogar “mein Vater” heißen – das muss ich erschließen.

Das Deutsche kennt zwei Deklinationen, eine “starke” und eine “schwache” (s. Grammatik-Duden)
Das Lateinische kennt sechs Deklinationen sowie besondere Formen für die Pronomina. Außerdem gibt es eine Anzahl unregelmäßig deklinierter Wörter. Es gibt Adjektive – und das ist wirklich völlig anders als im Deutschen – , die je nach Geschlecht ihre Deklination wechseln. Bei dem lateinischen Gegenstück zu “ein großer Mann” würde das “groß” eine ganz andere Form haben als bei “eine große Frau” und auch als bei “ein großes Auto”.

Das Deutsche bildet die Fälle, indem es an den Nominativ Buchstaben anhängt (Vater – Vaters) oder innerhalb des Konsonanten-Gerüsts Vokale verändert (V-T-R), aus “Vater” wird “Väter”. Oder eine Kombination aus beiden Möglichkeiten: “Väter” wird im Dativ zu “Vätern”

Im Lateinischen bildet man die Fälle je nach Deklination anders; und man unterscheidet die Deklinationen, indem man die “Stämme” der Wörter untersucht: das ist der Teil des Wortes, der durch die ganze Deklination hindurch erhalten bleibt – bei “Vater” wäre das “Vater”, der Wortstamm entspricht dem Nominativ.
Der letzte “Laut” (man unterscheidet zuerst die Laute, dann die Buchstaben) des Stanmes gibt der jeweiligen Deklination ihren Namen. Den Stamm sehe ich aber meistens nicht am Nominativ, sondern erst ab dem Genetiv, nachdem ich das Endungszeichen hinten weggenommen habe. (Latein wurde vermutlich schnell gesprochen, und so schliff sich der Nominativ wohl bald so stark ab, dass der Stamm nicht mehr gut zu erkennen war.)
Dieser letzte Laut des Stammes kann ein Vokal sein (a, e, i, o, u)oder ein Konsonant – dann spricht man von der “konsonantischen” Deklination.
Es gibt auch eine Mischform, die heißt dann “die gemischte Deklination”.

Ich komme also auf eine viel, wiel größere Anzahl von Endungen; und das muss deswegen so sein,weil ein lateinischer Satz die Einzelwörter so ziemlich hinstellen kann, wo er will; nur Präpositionen (oder Postpositionen) müssen bai ihrem Bezugswort bleiben.

Beispiel:
Mutter erntet heute große reife Pflaumen im Garten.
Der Lateiner kann stellen:
1. Pflaumen erntet Mutter reife große im Garten heute.
2. Im Garten erntet Pflaumen Mutter heute reife große.
3. Große Mutter reife erntet im Garten heute Pflaumen.
4. Erntet heute Pflaumen große im Garten reife Mutter.
und so weiter,

Im Deutschen wird der Zusammenhang spätestens ab Satz 3 ziemlich wirr. Der Lateiner erkennt jeweils an den Endungen, wohin die Wörter gehören. Es gibt Verse, wo die zusammengehörigen Wörter bis zu drei Zeilen weit auseinander stehen. Das wurde deswegen so gemacht, um sich an bestimmte (relativ starre) rhythmische Schemata halten zu können, zum anderen bekommt der Satz eine jeweils andere Melodie.

Die Fälle

Zu den oben erwähnten vier Fällen des Deutschen kommt im Lateinischen noch ein fünfter Fall – der berühmte “Ablativ”. (Wörtlich: “Wegtrage-Fall”)
Er antwortet auf die Fragen “Wo?”, “Woher?”, “Wodurch” oder “Aus welchem Grund”. Bei einer solchen Vielfalt von Fragen liegt der Gedanke nahe, dass es früher mehrere Fälle waren; dem ist auch so, und zwar gab es im Altlateinischen den Lokativ (Orts-Fall auf die Frage: “Wo?”),den Instrumentalis (Mittel-Fall auf die Fragen: “Womit?”, “Wodurch”) und den Separativus (Trennungs-Fall auf die Frage “Woher kommend?”, “Von was getrennt?”)

Und sogar noch ein sechster, der in der Kommunikation sehr wichtig war: der Anrede-Fall oder Vokativ. Der bildet aber nur in einer einzigen Deklination eine eigene Endung aus, ist aber trotzdem wichtig, weil viele Eigennamen dieser Deklination angehören. So wird eben aus “Marcus” ein “Marce” (etwa: “Du, Markus”) oder aus “Antonius” ein “Antoni” (entsprechend, "Du, “Antonius”)
Auch Adjektive beugen sich entsprechend: Daher der Liedanfang “O bone Iesu” – heißt nichts anderes als “O (mein) guter Jesus…”

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Name: Michael T.
Alter: 54
Fach: Latein
Ort: Stuttgart
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Was mir am Nachhilfeunterricht geben Spaß macht:

Meine Lehrer und mein Vater haben mich sehr gefördert.1983 kam ich ohne Beruf nach Stuttgart zurück und fing mit Nachhilfe an, einfach weil es das war, was ich am besten konnte.Gerne denke ich mir auch "alternative" Lernmethoden oder -konzepte aus.

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