Diese Website verwendet Cookies für Analysen, personalisierte Inhalte und interessenbezogene Anzeigen. Indem Sie diese Website weiter nutzen, erklären Sie sich mit dieser Verwendung einverstanden. Weitere Informationen

Dyskalkulie

Dyskalkulie ist eine Rechenschwäche. Kinder mit Dyskalkulie verstehen Zahlen, Mengen, Größen und Rechenarten nicht oder nicht richtig. Ihnen fehlt das korrekte Verständnis für die dahinter stehende Logik.

Image

Inhaltsverzeichnis

1. Definition von Dyskalkulie
2. Symptome
3. Ursachen
4. Was tun bei Verdacht auf Dyskalkulie?
5. Interview: Dyskalkulie - die unterschätzte Lernstörung

Schon einfache arithmetische Rechenschritte wie Addition und Subtraktion, Multiplikation oder Division bereiten große Probleme. Durch das Fehlen dieser Basisfähigkeiten können auch komplexere Rechenoperationen nicht erlernt werden. Die auffälligen Schwierigkeiten im Rechnen machen sich i.d.R. bereits in der Grundschule bemerkbar.

1. Definition von Dyskalkulie

Dyskalkulie zählt zu den Teilleistungsstörungen. Unter Teilleistungsstörungen versteht man Defizite in einem abgegrenzten Bereich, hier also der Mathematik. Dyskalkulie hat nichts mit mangelnder Intelligenz oder fehlender Begabung zu tun. Alle anderen Entwicklungs- und Leistungsbereiche des Kindes sind normal ausgeprägt. Auch die Schulleistungen in anderen Fächern sind normal.

2. Symptome von Dyskalkulie

Wie
  äußert sich Dyskalkulie

Grundsätzlich gilt: Ob ein Schüler tatsächlich unter Dyskalkulie leidert, kann nur von Experten mithilfe von Tests eindeutig festgestellt werden. Eine Diagnose können Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Kinder-/Jugendpsychotherapeuten erstellen. Rechentests können von Schulpsychologen oder Erziehungsberatungsstellen durchgeführt werden. Bei Verdacht auf Dyskalkulie wird auch die Wahrnehmungsfähigkeit im Bereich Hören und Sehen sowie die Motorik getestet. Folgende Symptome geben lediglich einen Hinweis auf eine potentiell vorliegende Dyskalkulie. Selbst bei Zutreffen der folgenden Symptome ist jedoch nicht festgestellt, dass Ihr Kind unter Dyskalkulie leidet.

  • Kinder haben Probleme, Mengen und Massen richtig zu erfassen. Insbesondere das schnelle Erfassen gelingt nicht.
  • Ob eine Menge im Verhältnis zu einer anderen größer oder kleiner, mehr oder weniger ist kann nicht eingeschätzt werden.
  • Kinder verstehen nicht, dass hinter einer Zahl eine bestimmte Menge, Größe oder Quantität steht. Sie merken sich vielmehr die Namen und Reihenfolge der Zahlen.
  • Finger, Stifte und ähnliche Abzählmittel werden ungewöhnlich lange verwendet.
  • Kinder verdrehen zweistellige Ziffern oder schreiben sie nach der Sprechreihenfolge.
  • Bei Zehner-Überschreitungen kommt es häufig zu Fehlern.
  • Mit größeren Zahlenräumen z.B. im Hunderterraum kommen Kinder schlecht zurecht, Stellenwerte werden verdreht oder vertauscht.
  • Die zugrundeliegende Logik von Rechenverfahren wird nicht beherrscht, der Wechsel in unterschiedliche Rechenverfahren gelingt nicht oder nur schwer.
  • Augenfällige Rechenfehler oder falsche Ergebnisse werden nicht bemerkt.
  • Komplexere Rechenaufgaben können nicht gelöst werden bzw. werden willkürlich behandelt.
  • Aufgaben mit Platzhaltern z.B. X – 5 = 8 können nicht gelöst werden.
  • Auch häufiges Üben führt nicht zu besseren Leistungen, da das Verständnis für die Logik der Zahlen und Operationen weithin fehlt.
  • Textaufgaben können nicht gelöst werden, da die enthaltene Aufgabenstellung nicht aus dem Text herausgelöst werden kann.

3. Ursachen von Dyskalkulie

Woher kommt Dyskalkulie

Die Ursachen für Dyskalkulie sind vielschichtig und für jedes Kind individuell. Die Uni Bielefeld benennt unterschiedliche Erklärungsansätze:

Entwicklungspsychologisch betrachtet erfolgt das Verständnis für Zahlen und mathematische Operationen bei Kindern in 4 aufeinander aufbauenden Phasen:

  1. Konkrete Handlungen mit realen Gegenständen
  2. Bildliche Darstellung
  3. Symbolische Darstellung
  4. Automatisierung im Symbolbereich.

Ist die kindliche Entwicklung in einer Phase gestört, kann auch die Fähigkeit der nächsten Phase nicht ausgebildet werden. Damit ist das Rechnen, mit seinen komplexen und aufeinander aufbauenden Schritten sehr schwer.

Neuropsychologisch betrachtet, setzt sich das Rechenverständnis aus unterschiedlichen Einzelfähigkeiten zusammen, z.B. visuelle und auditive Wahrnehmungsfähigkeit, räumliche Orientierung, Motorik oder Gedächtnis. Bei einer Dyskalkulie funktioniert entweder das Zusammenspiel der Bausteine nicht oder eine einzelne Fähigkeit ist nicht (richtig) ausgeprägt.

Auch schulische Bedingungen und die individuelle Lernbiographie beeinflussen die Rechenkompetenz. Mangelndes Verständnis basaler mathematischer Begriffe, Strategien und Techniken kann die Rechenproblematik ebenso verstärken wie äußere Faktoren, z.B. häufige Lehrerwechsel in der Grundschule, Klassenstruktur, Anwendung unterschiedlicher Lehrmethoden, Misserfolgs Erlebnisse, usw.

Wie stelle ich eine Rechenschwäche fest?

Bei folgenden Hinweisen sollten Sie aufmerksam werden. Sie können auf das Vorliegen einer Dyskalkulie hindeuten:

  • Ihr Kind braucht unverhältnismäßig lange für Mathematikaufgaben und ermüdet sehr schnell.
  • Rechenaufgaben werden am liebsten im Beisein eines Erwachsenen gemacht.
  • Das räumliche Vorstellungsvermögen ist sehr eingeschränkt.
  • Für das Erlernen des Einmaleins braucht das Kind sehr lange und viele Wiederholungen.
  • Insbesondere das Kopfrechnen fällt sehr schwer.
  • Ihr Kind hat Probleme mit Uhrzeiten, Gewichtsangaben oder anderen Maßen.

Das tatsächliche Vorliegen einer Dyskalkulie kann nur ein Fachexperte mithilfe von Tests diagnostizieren:

  • Qualitative Dyskalkulietests geben Aufschluss darüber, welche Art von Fehler das Kind macht und welche mathematische Vorstellung dahintersteht. Dies ist Voraussetzung für eine anschließende individuelle Förderung.
  • Um festzustellen, dass die Rechenproblematik nicht durch Über- oder Unterforderung zustande kommen, wird ein Intelligenztest durchgeführt.
  • Auch die visuelle und auditive Wahrnehmungsfähigkeit, Motorik und Köperwahrnehmung werden getestet.
  • Rechentests können in der Schule, vom schulpsychologischen Dienst, Erziehungsberatungs- stellen oder lerntherapeutischen Einrichtungen durchgeführt werden.
  • Die Diagnose einer Dyskalkulie kann durch Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten erstellt werden.

4. Was tun bei Verdacht auf Dyskalkulie? tutoria rät:

Was
  tun bei Dyskalkulie
  • Wenn Sie feststellen, dass sich Ihr Kind im Rechnen über einen längeren Zeitraum ungewöhnlich schwer tut empfehlen wir Ihnen: Suchen Sie den Beratungslehrer Ihrer Schule oder den schulpsychologischen Dienst auf. Diese können eine erste Einschätzung vornehmen, Sie zum weiteren Vorgehen beraten und Ihnen Adressen und Anlaufstellen in Ihrer Nähe nennen.
  • Ungezieltes, intensives Üben hilft nicht weiter. Es führt nur zur Frustration und Enttäuschung, sowohl für das Kind als auch für die bemühten Eltern. Zunächst ist eine qualitative Diagnostik erforderlich, wo genau welche Verständnisprobleme liegen. Auf dieser Grundlage erstellen Experten, z.B. Lerntherapeuten, einen individuellen Förderplan.
  • Erklären Sie Ihrem Kind, was eine Rechenschwäche ist und was sie bedeutet. Stärken Sie ihr Kind und nehmen Sie Druck und Versagensängste von ihm. Loben Sie Ihr Kind auch bei kleinen Erfolgen und honorieren Sie seine Anstrengungen. Seien Sie geduldig, denn Therapieerfolge brauchen Zeit.
  • Konzentrieren Sie Ihre Aufmerksamkeit nicht auf die Rechenschwäche Ihres Kindes. Suchen sie vielmehr gezielt Aktivitäten und Bereiche, in denen ihr Kind stark und motiviert ist und Erfolgserlebnisse verbuchen kann. Dies können andere Unterrichtsfächer, Sport, Musik o.ä. sein.
  • Eine Kostenübernahme für die Lerntherapie kann nach § 35 a SGB VIII i.d.R. über das Jugendamt vor Ort beantragt werden. Erkundigen Sie sich dort zunächst nach den genauen Bedingungen für eine Kostenübernahme. I.d.R. ist ein unabhängiges Gutachten über das Vorliegen einer Dyskalkulie erforderlich. Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Kinder- und Jugendpsychotherapeuten erstellen ein solches Gutachten. Nur in Ausnahmefällen übernehmen Krankenkassen die Kosten.
  • Oft können Schulen keine entsprechenden Fachkräfte oder adäquate Dyskalkulieförderung anbieten. Suchen Sie daher extern nach qualifizierten Lerntherapeuten. Lassen Sie sich dabei von Experten beraten, z.B. vom schulpsychologischen Dienst, Jugendamt, Erziehungsberatungsstelle oder dem Beratungslehrer. Sie können Ihnen helfen, aus den unterschiedlich qualifizierten Lerntherapeuten und verschiedenen Therapieansätzen den passenden auszuwählen.

5. Interview: Dyskalkulie - die unterschätzte Lernstörung

tutoria sprach mit Annette Höinghaus (AH) vom Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie e.V.

tutoria: Wie viele Kinder sind in Deutschland in etwa von Dyskalkulie betroffen?
AH: Mehrere Studien haben ergeben, dass ca. sechs Prozent aller Kinder eine Rechenstörung haben, die auch als Dyskalkulie bezeichnet wird. Daneben gibt es deutlich mehr Kinder, die einfach nur Schwierigkeiten beim Rechnen haben. Gründe dafür sind z.B. didaktische Probleme bei der Stoffvermittlung, Ausfälle durch längere Krankheitszeiten, Aufmerksamkeitsstörungen, Umzüge in andere Bundesländer und Klassenwechsel.

Wann und wie äußert sich Dyskalkulie?
AH: Das Gefühl für Mengen und Zahlen ist eigentlich ein Automatismus im Gehirn. Man weiß, dass sich schon Säuglinge Mengen bewusst sind. Bei Kindern mit Dyskalkulie springt dieser Mechanismus nicht an, sie haben kein Gefühl für Mengen und Zahlen. Deshalb fällt Dyskalkulie meist sehr früh auf, oft sogar schon im Vorschulalter, spätestens dann aber in der Grundschule, wenn der Zehner-Zahlenraum verlassen wird und man mit höheren Zahlen zu rechnen beginnt. Denn solche Schüler rechnen zählend, d.h., sie benutzen dazu ihre Finger, und das wird spätestens ab der Zahl 20 schwierig. Oft versuchen sie ihre Defizite auch zu kompensieren, indem sie z.B. das Einmalseins auswendig lernen, ohne wirklich zu erfassen, was dahintersteckt.

Worin liegen die Ursachen für Dyskalkulie?
AH: Dyskalkulie ist eine neurobiologische Störung, die genetisch bedingt ist. Prof. von Aster aus Berlin hat dazu umfangreiche Untersuchungen durchgeführt. Beim Rechnen müssen mehrere Bereiche im Gehirn aktiviert werden, z.B. um Raum-Lage-Dinge zu erfassen oder logische Verknüpfungen herzustellen. Mit Hilfe sogenannter bildgebender Verfahren konnte nachgewiesen werden, dass diese Areale bei Betroffenen nicht ausreichend aktiviert werden. Versucht man trotzdem intensiv ein Verständnis dafür aufzubauen, also diese Bereiche zu aktivieren oder „Umwege“ zu gehen, ist das fürs Gehirn ein immenser Kraftakt, der sogar zu Kopfschmerzen führen kann. Deshalb kann durchaus etwas dran sein, wenn Kinder sich beklagen „ich will nicht rechnen, ich krieg davon Kopfschmerzen“.

Wie kann man denn zweifelsfrei feststellen, ob ein Kind an Dyskalkulie erkrankt ist?
AH: Zunächst sollte man abklären, ob nicht andere Erkrankungen vorliegen wie etwa eine Aufmerksamkeitsstörung oder Schwierigkeiten mit dem Sehen. Kann das ausgeschlossen werden, sollten sich Eltern an eine fachkompetente Stelle wenden wie einen Kinder- und Jugendpsychiater oder ein sozialpädiatrisches Zentrum. Die können dann die Diagnose stellen mit Hilfe von standardisierten Intelligenz- und Rechentests, die für die entsprechende Altersgruppe und Klassenstufe ausgelegt sind.

Wie stehen die Chancen, eine Rechenschwäche in den Griff zu bekommen?
AH: Durch eine gute Dyskalkulie-Therapie kann es gelingen, eine Vorstellung für Mengen und Zahlen zu schaffen und Verständnis für Rechenoperationen zu vermitteln. Therapeuten nutzen dazu ganz verschiedene Kanäle: Sie visualisieren etwa das Konzept der Größenveränderung mit Bauklötzen, die zu einem Turm geschichtet werden, oder steigen mit den Kindern Treppen, um ihnen durch die aktive Bewegung ein Gefühl für das Addieren und Subtrahieren zu vermitteln. Dann sollte es ein gut-qualifizierter Therapeut in etwa zwei Jahren schaffen, das Kind in den grünen Bereich zu bringen und die Grundprobleme mit Mengen und Zahlen sowie die Grundrechenarten abzudecken. Die Methodik kann gelernt werden, da Mathematik im Vergleich zur Rechtschreibung absolut logisch ist. Sind diese Grundschwierigkeiten abgesichert, ist für solche Schüler auch das Abitur möglich. In höheren Klassen haben diese Schüler übrigens meist weniger Probleme, weil die Mathematik z.B. mit Algebra und Integralrechnung deutlich abstrakter wird. Die Problematik bei Prüfungen ist eher die Zeit; es gibt in nur wenigen Bundesländern Erlasse, dass Schüler mit Dyskalkulie einen Nachteilsausgleich in Prüfungen bekommen.

Sehen Sie Dyskalkulie als Tabu-Thema unter Eltern? Etwas, worüber man nicht spricht?
AH: Interessanterweise wird Dyskalkulie in der Öffentlichkeit nicht so diskriminiert wie Legasthenie. Wenn jemand nicht lesen und schreiben kann, wird das sehr abwertend gesehen, wenn jemand nicht rechnen kann, scheint das oft nur halb so schlimm zu sein. Dementsprechend bekommt Dyskalkulie sehr wenig Beachtung, was es so fatal macht. Denn ein Kind mit Legasthenie kann im Unterricht wenigstens noch mündliche Beiträge bringen, ein Kind mit Dyskalkulie hingegen ist komplett aufgeschmissen. Denn es versteht überhaupt nicht, was Lehrer und Mitschüler da machen und kann keine Ausgleichshandlungen erfahren.

Worin sehen Sie als Bundesverband Ihre Hauptaufgabe?
AH: Das Wichtigste ist Aufklärung. Denn die Grundproblematik ist, dass Dyskalkulie viel weniger bekannt ist als Legasthenie und Eltern oft gar nicht darauf kommen, dass ihr Kind darunter leidet. In der Schule muss dringend ein Verständnis für Dyskalkulie aufgebaut und eine entsprechende Förderung angeboten und Nachteilsausgleiche zugelassen werden. Dazu zählt z.B., dass man solchen Kindern technische Hilfsmittel wie etwa einen Taschenrechner erlaubt. Oder dass man unterschiedliche Rechenwege zulässt. Meist gibt es ja eine Vorgabe, wie eine bestimmte Aufgabe gelöst werden soll; wenn für das Kind aber ein anderer Lösungsweg aber viel plausibler ist, sollte man den auch akzeptieren.

Liebe Frau Höinghaus, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg für Ihre Arbeit!

Medien - tutoria empfiehlt

Jetzt Meister Cody, das wissenschaftliche Mathe Lernspiel für Kinder 5 Tage kostenlos testen.

Meister Cody

„Ratgeber Rechenschwäche", Anne Bonhoff, Gerhard Lehr
ISBN-10: 389574610X

Jetzt einen Tutor finden

Zurück nach oben Zurück: ADHS Vorwärts: Legasthenie