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"Wir geben Brot und Zeit"

Mit Zwieback hat alles angefangen: 2008 hat die Schauspielerin Uschi Glas gemeinsam mit ihrem Mann das Projekt „brotZeit“ ins Leben gerufen. Mittlerweile stellt der Verein an über 130 Grundschulen täglich ein Frühstücksbuffet für rund 5.500 bedürftige Schüler bereit.

Derzeit gibt es „brotZeit“ in sechs deutschen Städten, nämlich München, Leipzig, Hamburg, Duisburg, Berlin und Heilbronn. Ermöglicht wird das Projekt durch Sponsoren und ehrenamtliche Helfer. tutoria sprach mit Uschi Glas, die sich nach wie vor mit einem kleinen Team äußerst engagiert für „brotZeit“ einsetzt.

Uschi Glas

tutoria: Frau Glas, was war der Auslöser für Ihr Projekt „brotZeit“?
Uschi Glas: Der Auslöser war ein Rundfunkbericht, in dem erzählt wurde, dass es in der reichen Stadt München mehrere tausend massiv hungernde Grundschulkinder gibt. Das hat mich sehr betroffen gemacht und auch erschreckt! Ich habe meinem Mann davon erzählt und wir haben gesagt, da muss man was tun, weil es nicht sein kann, dass ein Kind aus Hunger nicht am Unterricht teilnehmen kann! Heute ist allgemein anerkannt, dass das Frühstück vor allem für die heranwachsenden Kinder sehr wichtig ist. Denn wenn die Kinder ständig Hunger leiden, bedeutet das, dass auch die geistige und körperliche Entwicklung zurückbleibt.

Wie ging es dann weiter?
In ersten Gesprächen mit Schulen haben die Schulleiter gesagt, wenn Sie helfen wollen, bringen Sie doch Zwieback vorbei, das wäre für uns ganz toll. Denn viele Kinder sind unterzuckert und ein Schluck Wasser und Zwieback reichen schon. Im ersten Schritt haben wir dann Notfallboxen mit Zwieback, Knäckebrot und Müsliriegel an vier Schulen verteilt. Es gab ein großes Hallo und die Bitte, ob man die Boxen im nächsten Monat wieder auffüllen könnte. Ja klar haben wir das gemacht. Aber wir hatten trotzdem das Gefühl, dass es das doch wohl nicht sein kann. Also haben wir uns mit den Schulleitern zusammengesetzt und überlegt, was man darüber hinaus tun kann. Aus diesen Gesprächen entstand die Idee, ein tägliches, richtiges Frühstück in die Schulen zu bringen. Wir haben den Namen „brotZeit“ gewählt, weil Brot für das Frühstück steht und Zeit für die Zeit, die wir mit den Kindern verbringen.

Das ist ja ein großer logistischer Aufwand. Wie konnten Sie die Idee umsetzen?
Genau, als wir es hinbekommen hatten, dass wir ein Frühstück haben können, war die nächste Frage, wer das machen soll? Aus dieser Not geboren, heute der große Glücksfall, was unseren Verein so einmalig macht: Wir haben fitte, interessierte und engagierte Senioren. Leute, die aus dem Arbeitsprozess aussteigen und dann keine Aufgabe mehr haben. Über 900 Senioren arbeiten in ganz Deutschland ehrenamtlich für uns, nur gegen eine geringe Aufwandsentschädigung. Diese Leute stehen jeden Tag um 6.30 Uhr in den Schulen und bauen das Frühstücksbuffet auf. Sie sind auch Familien- oder Großeltern-Ersatz, die Kinder schütten ihnen ihr Herz aus und die Senioren nehmen die Kinder auch mal in den Arm. Die Schulleiter sagen, dass die Senioren sogar eine Art Sozialpädagogen sind, die den Kindern die ersten Sorgen nehmen und ihnen Mut machen.

Wahrscheinlich profitieren die Kinder und Senioren auch gegenseitig voneinander, oder?
Auf jeden Fall. Wir machen in jeder Stadt immer so ein Dankeschön-Essen für die Senioren und da höre ich überall, ganz egal wo, dass die Frauen und Männer so froh sind über ihre Aufgabe. Sie merken, dass sie gebraucht werden und etwas tun können, das ist ein ganz enormer Benefit für beide.

Und wie läuft das Frühstück genau ab?
Unser Prinzip ist, dass wir den Kindern einen Raum geben, wo miteinander gegessen wird, wo miteinander kommuniziert wird, wo man sich kennenlernt. Wir haben ein Buffet mit 28 verschiedenen Lebensmitteln wie Marmelade, Wurst, Käse, Joghurt, Müsli, alles, was man sich denken kann. Und die Kinder genießen es, dass sie ganz alleine auswählen dürfen, was sie essen wollen. Sie können selber sagen, heute esse ich ein Müsli mit Milch, und morgen trinke ich einen Kakao und esse ein Honig- oder ein Wurstbrot.

Käsesemmel

Was auch immer so eine Hürde ist: die Kinder zu überzeugen, die überhaupt nichts Frisches, keine Rohkost kennen. Wir schneiden den Kindern deshalb zum Beispiel Gurken oder Äpfel auf. Wenn man dann einen Teller mit Apfelschnitzen rumreicht, greift erst ein Kind hin, dann ein anderes und siehe da, der Teller ist leer. Ganze Äpfel greift sich kein Mensch, aber mit so kleinen Schnitzen geht das.

Woran liegt es, dass so viele Kinder ohne Frühstück in die Schule gehen?
Die Gründe sind vielfältig. Der häufigste Grund ist, dass viele Eltern überhaupt nicht nachvollziehen können, dass ein Kind ein Frühstück braucht. Viele Kinder bekommen auch kein Abendessen und kein Pausenbrot. Und es gibt natürlich Alleinerziehende, die morgens aus dem Haus zur Arbeit müssen und die Kinder sitzen dann alleine in der Wohnung, hätten vielleicht was im Kühlschrank, aber sie machen es sich nicht. Oft sind die Eltern auch noch gar nicht aufgestanden, wenn die Kinder in die Schule gehen.

In München haben wir z.B. eine Schule, da kommen jeden Tag über 100 Kinder. Die stehen teilweise schon um 7.00 Uhr vor der Tür und wollen rein, da müssen Sie mal überlegen, was so ein Kind leistet. Es muss selbstständig entscheiden, früher aufzustehen, den früheren Bus zu nehmen und so früh in die Schule zu gehen, weil es dort ein warmes Zimmer vorfindet mit einem Buffet, wo es sich was aussuchen kann. Das alles entscheidet das Kind und übernimmt für sich selber schon diese Verantwortung.

Welche Erfolge lassen sich beobachten, abgesehen davon, dass die Kinder nicht mehr hungrig sind?
Wir beobachten an den Schulen, die wir betreuen, dass die Aggression unter den Kindern wesentlich zurückgeht, nahezu auf null, weil die Kinder sich im Frühstücksraum kennenlernen und miteinander essen. Die Kinder lernen so, was ein Miteinander-Essen bedeutet, sich in die Augen zu schauen. Und die Kinder gehen ausgeglichen, aufmerksam und natürlich auch satt in den Unterricht. Viele essen dann wirklich zum Frühstück so viel, dass sie auch das fehlende Pausenbrot bis zum Mittagstisch überbrücken können. Und ich höre immer wieder, dass die Lehrer glücklich sind, weil in „brotZeit“-Schulen die Kinder pünktlich um 8.00 Uhr im Unterricht sind – was nicht die Regel ist.

Welche Schulen nehmen teil?
Das Projekt läuft nur an Grund- und Förderschulen, weil das ja auch der Auslöser war. Am liebsten würden wir natürlich ein Frühstück für alle Kinder und alle Jugendlichen anbieten, nur können wir das mit unserem kleinen Verein gar nicht stemmen. Und es ist für uns nach wie vor der Ansporn – wir wollen ja größer und größer werden – dass wir wenigstens die Kleinen auffangen. Wenn die schon mal vier Jahre lang jeden Tag ein Frühstück in der Schule hatten, vielleicht ist dann das Bewusstsein der Kinder so stark, dass sie es zu Hause auch einfordern oder dafür sorgen, dass sie etwas Gesundes essen, und nicht Kartoffelchips und Coca Cola.

Sie bieten ja neben dem Frühstück auch weitere Förderangebote an. Welche genau sind das?
Wir geben Brot und wir geben Zeit, das heißt, dass wir die Kinder nicht nur satt machen, sondern auch beschäftigen. Wir haben qualifizierte Senioren, die Nachhilfe geben, vorlesen, mit den Kindern einfach spielen oder teilweise auch als Unterstützung der Lehrkraft in den Klassen einspringen. Wir haben z.B. Gärtner, die verwilderte Schulgärten mit den Kindern wieder herrichten.

Radieschen

Einmal war ich in Berlin an einer Schule, wo die Kinder gerade geerntet haben, was sie vorher selbst gesät haben. Sie können sich nicht vorstellen, was mit den Kindern los war, als sie ihre eigenen Radieschen aus dem Boden gezogen haben! Die konnten gar nicht fassen, dass so etwas sozusagen aus dem Dreck herauskommt. Es gab ein Riesenhallo, „wow“, „cool“! Wir haben dann die Radieschen gewaschen, geschnippelt und mit einem Butterbrot, bisschen Salz und Schnittlauch gegessen. Das war ein Riesenessen, weil sie total stolz waren, dass sie ihre eigenen Früchte, die sie gesät haben, jetzt ernten und essen.

Was planen Sie für die Zukunft?
Wir wollen ganz gern die Bundesländer mit einbeziehen, weil wir das einfach alleine nicht stemmen können. Hamburg ist der erste Stadtstaat, wo der Senat sich entschieden hat, mit Geld in das Projekt reinzugehen. Wir haben dort 21 Schulen und nehmen nochmal 10 Schulen dazu: Wenn es gut läuft und wir vielleicht noch eine Stiftung finden, die mit einspringt, könnten wir mit gut 40 Schulen in Hamburg alle Brennpunktschulen abdecken. Das würde bedeuten, dass es in diesen prekären Situationen kein Kind mehr gibt, das hungern muss.

Wie kann man das Projekt unterstützen?
Also Spenden ist natürlich das Beste, weil das Ganze einfach teuer ist. Auf der anderen Seite muss man auch mal überlegen: Wenn man die Kinder so früh auffängt wie wir das machen, dann kommen sie gar nicht in die Situation, dass sie bis in die Pubertät so hoffnungslos hinterher sind, weil sie einfach aus Hunger, aus Müdigkeit, aus Aggression dem Unterricht nicht folgen können. Daraus entstehen letztendlich Kosten, da ist unser Frühstück ein Klacks dagegen. Wir müssen einfach früher ansetzen, damit es erst gar nicht so weit kommt!

Frau Glas, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit „brotZeit“!

Wer mehr über das Projekt erfahren oder es unterstützen möchte: www.brotzeitfuerkinder.com

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