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Struktur prosaischer Texte

Ein wichtiges Thema in der 10. Klasse in Deutsch ist die Struktur prosaischer Texte. Genau hierzu liefert der Artikel Erklärungen und Beispiele.

Struktur prosaischer Texte

1. Anordnung der Erzählphasen

Prosaisch bedeutet, dass die verwendete Sprache nicht rhythmisch, beispielsweise durch Verse, gebunden ist. Das bedeutet jedoch nicht, dass auf eine sprachliche Gestaltung verzichtet wird.

Zur Prosa zählen:

  • Romane
  • Essays
  • Kurzgeschichten
  • Erzählungen
  • Biografien
  • Feuilletons
  • Sachtexte
  • wissenschaftliche Texte

Diese Texte bestehen aus Handlungsteilen, die wir auch Episoden nennen.

Die Autoren gewichten die entsprechenden Episoden entweder gleich oder unterschiedlich. Das führt zu verschiedenen Erzählstrukturen.

Eine gleichgewichtige, chronologische Behandlung aller Erzählphasen (Episoden) führt zu einer linearen Erzählstruktur.

Episode 1 – Episode 2 – Episode 3 –…

Die Autoren können auch einzelne Erzählphasen (Episoden) besonders hervorheben oder vernachlässigen.

Episode 1 – fehlt – Episode 3 – …

Autoren können die Chronologie der Erzählung ebenfalls aufheben, indem die Reihenfolge der Episoden vertauscht wird. Man spricht hierbei von einer diskontinuierlichen Erzählstruktur.

Episode 1 – Episode 3 – Episode 2 – …

2. Handlungsstränge

Entsprechend der gewählten Erzählstruktur verlaufen Handlungsstränge parallel, diskontinuierlich oder chronologisch.

Außerdem kann der Autor die einzelnen Handlungsstränge unterschiedlich gewichten. Man spricht hierbei von Haupt- und Nebenhandlungen.

Eine Nebenhandlung kann zum Beispiel auf den Charakter einer Person schließen lassen oder die Haupthandlung näher erläutern.

Zusammengehalten werden die Handlungsstränge in der Regel durch eine Rahmenhandlung.

Für die Verknüpfung der Handlung gibt es verschiedene Techniken: beispielsweise durch eine Hauptperson, die in (fast) jeder Episode auftaucht (direkt oder indirekt) oder ein Leitmotiv als Motivkomplex, der in allen Episoden eine Rolle spielt.

3. Innere und äußere Handlung

Die Gedanken und Gefühle der Figuren in Romanen und ähnlichen Texten bezeichnet man als innere Handlungen. Das äußerlich sichtbare Tun wird äußere Handlung genannt.

Die innere Handlung beschreibt die Bewusstseinslage der jeweiligen Figur: ihre geistige, seelische und moralische Entwicklung.

Zur Veranschaulichung der Gedanken und Gefühle einer Figur benutzt man häufig den inneren Monolog. Der innere Monolog ermöglicht eine vertiefte Innenschau auf die Figur unter Vernachlässigung der äußeren Handlung.

Welche Gefühle kann man durch einen inneren Monolog einer Figur ausdrücken?

  • Angst
  • Befürchtung
  • Verzweiflung
  • Glück
  • Wut
  • Freude
  • Ärger
  • Hass
  • Liebe

4. Teste dein Wissen

Welche Wirkung kann mithilfe unterschiedlicher Erzählstrukturen erzielt werden? Ordne den Erzählstrukturen die passenden Wirkungen und Mittel zu!

  • Mittel: Vorausdeutungen, Rückblenden, Einschübe, Auslassungen
  • Wirkungen: Spannungssteigerung, Spannungsverzögerung, Vorwegnahme des Schlusses, Information des Lesers

Diskontinuierliche
Erzählstruktur

Hervorhebende/ vernachlässigende
Erzählstruktur

Mittel

Wirkung

5. Lösung

hervorhebende/ vernachlässigende Erzählstruktur
Mittel: Einschübe, Auslassungen
Wirkung: Spannungssteigerung, Spannungsverzögerung

Diskontinuierliche Erzählstruktur
Mittel: Vorausdeutungen, Rückblenden
Wirkung: Information des Lesers, Vorwegnahme des Schlusses

Erzählperspektive

1. Erzählerrolle

Epische Texte sind keine privaten Äußerungen eines Autors. Selbst, wenn ein Text in der Ich- Form geschrieben ist, darf man den Erzähler nie mit dem Autor verwechseln. Daher sprechen wir auch von dem lyrischen Ich.

  • Es gilt grundsätzlich: Es gibt einen Autor und einen Erzähler.

Der Autor oder die Autorin ist eine realexistierende Person, die eine Geschichte erzählt.

Der Erzähler gibt die Geschichte aus einer bestimmten Perspektive wieder.

2. Erzählertypen

Autoren wählen eine bestimmte Erzählhaltung und somit einen bestimmten Erzählertyp. Am häufigsten sind die

  • Ich- Erzähler
  • Er/ Sie- Erzähler

Ich- Erzähler

Er/ Sie- Erzähler

1. Person Singular

beschreibt seine eigenen Erlebnisse

kann Gedanken und Gefühle anderer Figuren nur erahnen

3. Person Singular

beschreibt die Erlebnisse anderer

kann „allwissend“ sein: Gedanken und Gefühle aller Figuren genau beschreiben

3. Erzählverhalten

Das Erzählverhalten ist unabhängig von der Erzählperspektive, also unabhängig davon, ob ein Erzähler in der 1. oder 3. Person vorkommt.

Wir unterscheiden drei Arten von Erzählverhalten:

  • auktorial
  • personal
  • neutral


Auktorialer Erzähler

Personaler Erzähler

Neutraler Erzähler

ist vom Geschehen unabhängig

greift kommentierend und wertend in die Handlung ein

steht scheinbar mitten im Geschehen

nimmt die Sichtweise einer oder mehrerer Figuren ein

verzichtet auf individuelle Sichtweise

(scheinbar) objektive Wiedergabe der Ereignisse

4. Erzählerrede und Figurenrede

Bei epischen Texten müssen wir zwischen Erzählerrede und Figurenrede unterscheiden:

Die Erzählerrede umfasst alle Äußerungen des Erzählers:

  • Bericht (straffe Handlungswiedergabe)
  • Kommentar
  • Beschreibung (Ort, Person …)

Die Figurenrede umfasst alle Äußerungen und Gedanken der vorkommenden Figuren:

  • direkte Rede
  • indirekte Rede
  • innerer Monolog

Beachte: In einem Text können Erzähler und Erzählverhalten variieren, so kann eine Geschichte beispielsweise aus der Perspektive mehrerer Charaktere erzählt werden.

Figurendarstellung

1. Figurenkonzeption

Als erstes betrachten wir wie die Haupt- und Nebenfiguren angelegt worden sind.

  • Verändern sich die Figuren im Laufe der Handlung?
  • Sind die Figuren wandlungsfähig?
  • Sind die Figuren auf wenige prototypische Merkmale reduziert?
  • Sind die Figuren mit individuellen Merkmalen ausgestattet?
  • Sind die Verhaltensweisen der Figuren nachvollziehbar für den Leser oder überraschend?

Von diesen Fragen ausgehend, können wir verschiedene Figuren als Gegensatzpaare konstruieren, beispielsweise

  • wandlungsfähig vs. statisch
  • komplex vs. typisiert
  • geschlossen vs. offen

2. Figurencharakterisierung

Autoren haben verschiedene Möglichkeiten, den Charakter der handelnden Figuren darzustellen.

Direkte Charakterisierung

Indirekte Charakterisierung

der Erzähler stellt die Figur vor und bewertet sie und ihr Verhalten

andere Figuren sprechen über die Figur: loben, kritisieren …

innerer Monolog der Figur

Der Erzähler beschreibt das Verhalten der Figur

Der Erzähler stellt das äußere Erscheinungsbild einer Figur dar

Namen, Berufe und ähnliches können symbolische Bedeutung haben

Findet eine direkte Charakterisierung statt, brauchen wie also in der Textanalyse den Charakter der Figuren nur durch Zitate zu belegen.

Findet eine indirekte Charakterisierung statt, müssen wir von den Beschreibungen des Verhaltens der Figur auf ihren Charakter schließen.

Textdetails können uns eine Menge über die handelnden Figuren verraten. Dazu zählen

  • soziale Merkmale, wie Herkunft, Beruf, soziale Stellung …
  • individuelle Besonderheiten, wie Sprechweise/Dialekt, auffällige Gewohnheiten …
  • äußere Merkmale, wie Alter, Geschlecht, Figur, Größe, Kleidungsstil …

3. Personenkonstellation

In der Regel kommen in Romanen und Erzählungen mehrere handelnde Figuren vor. Diese stehen in bestimmten Beziehungen zueinander. Wie in der Realität können sie befreundet oder verfeindet sein, sich sympathisch oder auch gleichgültig gegenüberstehen.

Hier einige Beispiele für die Beziehungen von literarischen Figuren:

  • Freunde oder Gegner sein
  • dem gleichen oder unterschiedlichen Geschlechtern angehören
  • in der Hierarchie einander über- bzw. untergeordnet sein
  • gleiche oder unterschiedliche Wertorientierungen haben
  • in partnerschaftlichen oder familiären Verbindungen stehen
  • derselben oder unterschiedlichen Generationen angehören

Zeit- und Raumgestaltung

1. Textanfänge

Wenn ein Autor einen Text verfasst, dann muss er einen Anfang finden, der seinen Intentionen gerecht wird.

Soll der Leser überrascht werden oder sollen chronologische Ereignisse sachlich dargestellt werden?
Soll der Leser langsam an die Handlung herangeführt werden oder mitten im Geschehen einsteigen? …

Typische Anfangssituationen sind beispielsweise

  • Vorwort
  • chronologische Entfaltung des Geschehens von Anfang an
  • einstieg mitten im Geschehen
  • am Ende der Erzählung

Wie werden die Anfangssituationen textlich umgesetzt?

  • Anfangssituation: Chronologische Entfaltung des Geschehens

John Franklin war schon zehn Jahre alt und immer noch so langsam, dass der keinen Ball fangen konnte. Er hielt für die anderen die Schnur.

  • Anfangssituation: Vorwort

Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser, es warnt dich schon beim Eintritt, dass ich darin kein anderes Ende vorausgesetzt habe, als ein häusliches und privates...

  • Anfangssituation: mitten im Geschehen

„Jetzt sitz doch endlich still!“, sagte meine Mutter am Esstisch, während Vater etwas über den Braten in seinen Bart murmelte. Jedes Jahr zu Weihnachten …

  • Anfangssituation: vom Ende der Geschichte her

Auf der Beerdigung von ihm waren sehr viele Menschen. Sie schienen traurig, was mich doch sehr wunderte. Zu Lebzeiten war er nicht sehr beliebt. Ich erinnere mich, wie alles vor einem Jahr anfing …

2. Schlusssituationen

Für die Darstellung der Schlusssituation in Texten gibt es für Autoren mehrere Alternativen. Typische Schlusssituationen sind beispielsweise ein

  • geschlossenes Ende
  • erwartetes Ende
  • überraschendes Ende
  • offenes Ende

3. Erzählzeit und erzählte Zeit

Die Erzählzeit ist die Zeitspanne, die ein Leser benötigt, um ein episches Werk zu lesen.

Die erzählte Zeit betrifft hingegen die Dauer des erzählten Geschehens.

Erzählte Zeit und Erzählzeit können identisch sein. Wir sprechen dann von Zeitdeckung. Ein Beispiel hierfür ist die Verwendung der wörtlichen Rede, beispielsweise in Dramen oder Romanen.

Häufig gibt es erhebliche Unterschiede zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit. Zum Beispiel braucht ein Rezipient für das Lesen einer kurzen Erzählung, die mehrerer Monate oder Jahre umfasst, nur wenige Minuten. In diesem Fall ist die Erzählzeit kürzer als die erzählte Zeit. Wir sprechen hier von Zeitraffung.

Es gibt Texte, in denen die Erzählzeit länger ist als die erzählte Zeit. Wenn ein Buch beispielweise 1000 Seiten umfasst und nur den Zeitraum eines Tages beschreibt, bezeichnen wir das als Zeitdehnung.

Um welches Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit könnte es sich bei den folgenden Textbeispielen handeln?

Beide hatten die Schulmappen über die Schultern gehängt und beide waren sie gut und warm gekleidet; Hans in einer kurze Seemanns- Überjacke, über welcher auf Schultern und Rücken der breite, blaue Kragen seines Marineanzuges lag,...

Die Erzählzeit ist _____________ die erzählte Zeit. Wir sprechen also von ____________________.

Nachdem wir monatelang darauf gewartet hatten, waren endlich die Sommerferien da! Wir waren so aufgeregt, dass wir in den ersten Tagen nachts kaum ein Auge zu machen konnten. Nachdem wir mehrmals am Badesee, in der Eisdiele und im Kino waren, kam uns die Zeit plötzlich sehr lang vor. Es war Zeit für ein Abenteuer …

Die Erzählzeit ist _____________ die erzählte Zeit. Wir sprechen also von ____________________.

„Eine Fahrkarte nach Berlin bitte, sagte der Mann. „Macht 5 Euro und 80“, entgegnete der Verkäufer. „Danke. Wann fährt der Zug?“ „In 10 Minuten auf Gleis 3.“

Die Erzählzeit ist _____________ die erzählte Zeit. Wir sprechen also von _____________________.

4. Raumgestaltung

Vom Autor gewählte Räume und Orte können in Romanen und Erzählungen unterschiedliche Funktionen haben. Man unterscheidet:

  • Handlungsraum: bildet Bedingungsrahmen für die Handlungen der Personen
  • Lebensraum: z.B.: Familie oder Arbeitsplatz: dient oft der Charakterisierung von Figuren
  • Gedankenraum: Raum, der durch Wünsche und Gedanken der Figuren entsteht
  • Stimmungsraum: Raum, an den eine bestimmte, die Handlung tragende Stimmung gekoppelt ist
  • Kontrastraum: steht in inhaltlichem und assoziativem Kontrast zu einem anderen Raum
  • Symbolraum: Raum, der für etwas anderes steht, das nichts mit seiner eigentlichen Bedeutung oder Funktion zu tun haben muss

Raummotive haben oft symbolische Bedeutungen:

  • Feld: Rückzugsraum, Ort von Entscheidungen
  • Fenster: Beengung und Freiheit, Sehnsucht nach Ferne und Unabhängigkeit
  • Haus, Wohnung: Geborgenheit oder Enge
  • Wald: Zivilisationsferne, Einsamkeit, Natur
  • Großstadt: Ort des Verbrechens, Naturferne, Einsamkeit, pulsierendes Leben

Lies dir den folgenden Romananfang aufmerksam durch und beachte die erzählte Zeit und Erzählzeit sowie die Raumgestaltung. Welche Stimmung vermittelt der Einstieg? Überlege worum es in diesem Roman gehen könnte!

In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetzten Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in Richtung und Lage genau dem Seitenflügel entsprechend, lief eine ganz in kleinblättrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen weißgestrichenen Eisentür unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings erst wieder vergoldeten Wetterhahn aufragte. Fronthaus, Seitenflügel und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an je zwei Stricken hing - die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb versteckend standen ein paar mächtige alte Platanen.

Auch die Front des Herrenhauses - eine mit Aloekübeln und ein paar Gartenstühlen besetzte Rampe - gewährte bei bewölktem Himmel einen angenehmen und zugleich allerlei Zerstreuung bietenden Aufenthalt; an Tagen aber, wo die Sonne niederbrannte, wurde die Gartenseite ganz entschieden bevorzugt, besonders von Frau und Tochter des Hauses, die denn auch heute wieder auf dem im vollen Schatten liegenden Fliesengange saßen, in ihrem Rücken ein paar offene, von wildem Wein umrankte Fenster, neben sich eine vorspringende kleine Treppe, deren vier Steinstufen vom Garten aus in das Hochparterre des Seitenflügels hinaufführten. Beide, Mutter und Tochter, waren fleißig bei der Arbeit, die der Herstellung eines aus Einzelquadraten zusammenzusetzenden Altarteppichs galt; ungezählte Wollsträhnen und Seidendocken lagen auf einem großen, runden Tisch bunt durcheinander, dazwischen, noch vom Lunch her, ein paar Dessertteller und eine mit großen schönen Stachelbeeren gefüllte Majolikaschale. Rasch und sicher ging die Wollnadel der Damen hin und her, aber während die Mutter kein Auge von der Arbeit ließ, legte die Tochter, die den Rufnamen Effi führte, von Zeit zu Zeit die Nadel nieder und erhob sich, um unter allerlei kunstgerechten Beugungen und Streckungen den ganzen Kursus der Heil- und Zimmergymnastik durchzumachen. Es war ersichtlich, daß sie sich diesen absichtlich ein wenig ins Komische gezogenen Übungen mit ganz besonderer Liebe hingab, und wenn sie dann so dastand und, langsam die Arme hebend, die Handflächen hoch über dem Kopf zusammenlegte, so sah auch wohl die Mama von ihrer Handarbeit auf, aber immer nur flüchtig und verstohlen, weil sie nicht zeigen wollte, wie entzückend sie ihr eigenes Kind finde, zu welcher Regung mütterlichen Stolzes sie voll berechtigt war. Effi trug ein blau und weiß gestreiftes, halb kittelartiges Leinwandkleid, dem erst ein fest zusammengezogener, bronzefarbener Ledergürtel die Taille gab; der Hals war frei, und über Schulter und Nacken fiel ein breiter Matrosenkragen. In allem, was sie tat, paarten sich Übermut und Grazie, während ihre lachenden braunen Augen eine große, natürliche Klugheit und viel Lebenslust und Herzensgüte verrieten. Man nannte sie die »Kleine«, was sie sich nur gefallen lassen mußte, weil die schöne, schlanke Mama noch um eine Handbreit höher war.

Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und rechts ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer Stickerei gerade wieder aufblickende Mama ihr zurief: »Effi, eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen. Immer am Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube beinah, daß du so was möchtest.«

»Vielleicht, Mama. Aber wenn es so wäre, wer wäre schuld? Von wem hab ich es? Doch nur von dir. Oder meinst du, von Papa? Da mußt du nun selber lachen. Und dann, warum steckst du mich in diesen Hänger, in diesen Jungenkittel? Mitunter denk ich, ich komme noch wieder in kurze Kleider. Und wenn ich die erst wiederhabe, dann knicks ich auch wieder wie ein Backfisch, und wenn dann die Rathenower herüberkommen, setze ich mich auf Oberst Goetzes Schoß und reite hopp, hopp. Warum auch nicht? Drei Viertel ist er Onkel und nur ein Viertel Courmacher. Du bist schuld. Warum kriege ich keine Staatskleider? Warum machst du keine Dame aus mir?«

»Möchtest du's?«

»Nein.« Und dabei lief sie auf die Mama zu und umarmte sie stürmisch und küßte sie.

»Nicht so wild, Effi, nicht so leidenschaftlich. Ich beunruhige mich immer, wenn ich dich so sehe ...« Und die Mama schien ernstlich willens, in Äußerung ihrer Sorgen und Ängste fortzufahren. Aber sie kam nicht weit damit, weil in ebendiesem Augenblick drei junge Mädchen aus der kleinen, in der Kirchhofsmauer angebrachten Eisentür in den Garten eintraten und einen Kiesweg entlang auf das Rondell und die Sonnenuhr zuschritten. Alle drei grüßten mit ihren Sonnenschirmen zu Effi herüber und eilten dann auf Frau von Briest zu, um dieser die Hand zu küssen. Diese tat rasch ein paar Fragen und lud dann die Mädchen ein, ihnen oder doch wenigstens Effi auf eine halbe Stunde Gesellschaft zu leisten. »Ich habe ohnehin noch zu tun, und junges Volk ist am liebsten unter sich. Gehabt euch wohl.« Und dabei stieg sie die vom Garten in den Seitenflügel führende Steintreppe hinauf.

Und da war nun die Jugend wirklich allein.
Aus: Effie Briest, Theodor Fontane
www.digbib.org

5. Lösungen

Zu 3

Die Erzählzeit ist länger als die erzählte Zeit. Wir sprechen also von Zeitdehnung.
Die Erzählzeit ist kürzer als die erzählte Zeit. Wir sprechen also von Zeitraffung.
Die Erzählzeit ist genauso lang wie die erzählte Zeit. Wir sprechen also von Zeitdeckung.

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